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Jürgen Marschall

Ein Interview mit dem Figurenschnitzer der Augsburger Puppenkiste

Wann begann bei Ihnen das Interesse für das Arbeiten mit Marionetten?

Schon als Kind habe ich damit begonnen; Puppen zu schnitzen. Doch dann habe ich erst einmal das Interesse daran verloren. Im Jahr 1991 haben mich zwei Mitarbeiter der Augsburger Puppenkiste angesprochen: es wäre doch schön, wenn ich neben meinem Bruder Klaus im Theater mitarbeiten würde. Und so habe ich angefangen, zusammen mit meiner Mutter Hannelore die Figuren zu schnitzen. Seit ihrem Tod im Jahr 2003 bin ich alleine für das Puppenschnitzen zuständig.

Wo haben Sie das Schnitzen gelernt?

Ich glaube, mir ist das Geschick in die Wiege gelegt worden. Und vieles habe ich mir als Erwachsener von meiner Mutter abgeschaut. Ich habe zusammen mit ihr in der Werkstatt gearbeitet. Sie hat mir zwar nicht viel erklärt, aber ich habe doch das meiste von ihr gelernt, indem ich ihr zugesehen habe.

Wie lange arbeiten Sie an einer Puppe, bis sie fertig ist?

Vom Holzstück zur fertigen Marionette brauche ich ungefähr 50 bis 60 Arbeitsstunden. Man muss die Zeit für das Aufziehen auf Fäden und das Anziehen auch noch einbeziehen. Manchmal kommt es auch vor, dass mir eine Figur gar nicht gelingen mag, dann lege ich sie zwischendurch weg, arbeite an etwas anderem und schnitze später daran weiter.

Können Sie sich an besonders schwierige Marionetten erinnern?

Das war zum einen die Figur Niklas Julebuk aus dem Stück „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“. Den habe ich achtmal geschnitzt, weil er mir einfach nicht gefallen hat. Und die Figur des ehemaligen Bundesfinanzministers Hans Eichel, habe ich fünfmal geschnitzt, bis er mir gefallen hat. Das war ziemlich schwer, den zu schnitzen, weil der ein so beliebiges Gesicht hat. Er war für unser alljährliches Kabarett bestimmt.

Welche Marionette ist ihre Lieblingspuppe?

Ich mag jede Puppe, die mir gelingt, sehr gerne, denn jede Puppe ist einzigartig. Aus dem Stück Holz entsteht immer eine Persönlichkeit. Ganz besonders mag ich natürlich den Kasperl.

Hauchen Sie dem Holz Leben ein?

Man kann schon sagen, dass in jeder Puppe Leben ist. Wir haben zum Beispiel einmal den Kopf vom Kasperl röntgen lassen, und da hat man etwas darin entdeckt, was man nicht erklären kann. Vielleicht ist es ein Ast, vielleicht ist es aber auch die Seele, die sich darin verbirgt. Ich habe auch schon erlebt, dass man mit einer Marionette mehrfach geprobt hat und als die Puppe dann ihren Einsatz auf der Bühne hatte, funktionierte sie einfach nicht mehr. Das passiert auch manchmal mit dem Kasperl. Der mag dann nicht mehr.

Wie muss das Holz beschaffen sein, aus dem die Stars entstehen?

Das Lindenholz, das ich verwende, muss gut abgelagert sein, das heißt mindestens zwei Jahre. Am besten arbeite ich mit Holz, das schon zehn Jahre liegt. Es soll gut trocken sein. Interessant ist, was sich alles im Holz verbirgt. Ich habe beim Schnitzen schon mal einen Granatsplitter und eine Schrotkugel gefunden.

Haben Sie Ihren Traumberuf gefunden?

Auf jeden Fall. Man schafft etwas Besonderes und macht damit Kindern und auch Erwachsenen eine Freude. Ich hinterlasse bei jeder Puppe einen persönlichen Fingerabdruck. Meine Mutter mit ihrer Erfahrung, sie hat 40 Jahre lang die Puppen geschnitzt, konnte das besonders gut. Schade, dass sie nicht mehr lebt. Das ist manchmal schwer, wenn ich Puppen mit speziellen Bewegungen anfertige, wie eine Tänzerin oder einen Schwertschlucker. Ich würde sie dann gerne um Rat fragen, wenn ich ein Problem habe. Jetzt muss ich selbst eine Lösung finden.

Wie halten Sie die Marionetten in Schuss?

Jeder Puppenspieler ist vor der Aufführung selbst verantwortlich für seine Puppen. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, wird die Puppe natürlich vor der Vorstellung repariert. Wenn dann aber während der Aufführung ein Faden reißt oder auch ein Gelenk einreißt, kann der Spieler das selbst reparieren. Allerdings werden die Puppen auch regelmäßig von mir gewartet.
 
 Interview: Christine Püffel